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Samstag, 6. Juni 2015

Muttermilch



Vorzüge der Muttermilch Mamas Wundercocktail

Muttermilch ist viel mehr als nur Nahrung: Sie ist bislang das einzige erfolgreiche Functional Food. Stillen fördert die Gesundheit des Säuglings, beeinflusst seine Intelligenz und möglicherweise seinen Charakter.

Von Nike Heinen

14.8.2012

Die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sie fängt schon bei den allerersten Mahlzeiten an. Männliche Babys genießen an Mutters Brust einen luxuriösen Cocktail erlesener Nährstoffe mit nahrhaften Fettsäuren und wertvollen Proteinen; in der Stillmilch der Babymädchen fehlt es hingegen am besonders wertvollen Milchzucker.

Evolutionsbiologen begründen diese Zweiklassenfütterung mit der üblichen, einfachen Erklärung: Weil Männer theoretisch zahllose Kinder zeugen können, die Schwangerschaft der Frauen aber Monate dauert, versprechen Söhne das bessere Enkelsaldo. Aus der Sicht der mütterlichen Biologie sind die wertvolleren Nährstoffe demnach bei Söhnen besser angelegt - investiert wird in die Zukunft der eigenen Gene, bei Männern lockt die höhere Rendite.
Die unterschiedlichen Nährstoffanteile sind nur ein Beispiel für die neuen Erkenntnisse, die Wissenschaftler in den vergangenen Jahren über das Stillen gewonnen haben. Ihre Kerneinsicht: Die Menschenmilch schlechthin gibt es nicht. Je nach Geschlecht des Babys, seinem Alter, den Lebensumständen der Mutter und vielen anderen bisher unbekannten Faktoren ändert sich die Zusammensetzung der Milch. Und mit ihr verändert sich die Zukunft des Kindes.

Mittlerweile unbestritten ist, dass Muttermilch viel mehr ist als ein Nahrungsmittel. Es ist das einzige bis heute nachweislich erfolgreiche Functional Food, vollgepackt mit bioaktiven Inhaltsstoffen, die auf zentrale Stellgrößen im Körper Einfluss nehmen. Der Trunk aus der Mutterbrust ermöglicht Säuglingen Bakterien und Viren abzuwehren, schafft oder verhindert Anfälligkeiten für bestimmte Krankheiten, verändert die Aktivität ganzer Gengruppen. Es könnte sogar sein, dass Muttermilch den Charakter des Kindes moduliert, ganz sicher beeinflusst sie die Intelligenz.
Die einzigen solcher Manipulationen gänzlich unverdächtigen Inhaltsstoffe der biogenen Babynahrung sind ihre Hauptkomponenten: Wasser mit rund 90 und der Milchzucker Lactose mit etwa sechs Prozent Anteil an der Gesamtmasse. Alle weiteren Bestandteile - andere Zucker, Lipide, Proteine - enthalten neben reinen Nährstoffmolekülen Hunderte modulierende Substanzen.

Zum Beispiel die Proteine: Manche, vor allem das Milchprotein Casein, werden verdaut und versorgen das Kind mit den nötigen Aminosäuren. Andere sind verdauungsfest konstruiert. Sie stellen den pH-Wert des Verdauungstraktes ein, lauern auf den nächstbesten Krankheitserreger, um ihn abzufangen oder zu vergiften. Oder sie kommunizieren mit kindlichen Immunzellen und steuern so deren Reifung. Manche schließlich wirken als Wachstumsfaktoren, vor allem für die Darmschleimhaut. Ungestillte Kinder kämpfen deshalb eher mit Problemen im Verdauungstrakt bis hin zu degenerativen Krankheiten.

Keine Muttermilch ist wie die andere

Ähnlich wie Hormone entfalten solche Milch-Signalstoffe ihre Wirkung schon in geringen Mengen; entsprechend schwierig waren sie bislang aufzuspüren. Carlito Lebrilla, Zuckerchemiker an der Universität von Kalifornien in Davis, gehört zu den Forschern, die neue, besonders empfindliche Analysemethoden dazu nutzen, um die feiner dosierten Inhaltsstoffe von Muttermilch erstmals vollständig zu katalogisieren.

Er fand heraus, dass Mütter ihrer Milch ein komplexes Sortiment aus etwa 200 verschiedenen Zuckerketten beimischen. Diese sogenannten Oligosaccharide bilden das Colostrum, nach Wasser und Lactose der drittgrößte Anteil der Neugeborenenmilch. Es besteht aus kurzen, höchstens zehn Einzelmoleküle langen Kohlenhydratketten, die als Informationsträger dienen.

Solche Zuckermuster kodieren unter anderem die Blutgruppen. Transplantiertes Gewebe wird solcher Oligosaccharid-Oberflächen wegen als fremd erkannt und abgestoßen.

Isst ein Mensch Fleisch, dann bleiben die meisten Oligosaccharide der tierischen Muskelzellen unverdaut im Darm zurück - und dort stürzt sich ein Heer von Bakterien auf die Nahrungsreste. Sie gewinnen aus ihnen Energie oder nutzen sie als Baustoff für ihre Zellwände. Die Oligosaccharid-Mischung der Muttermilch scheint einem Einzeller besonders gut zu schmecken: Bifidobacterium longum infantis. Es besiedelt als eine der ersten Mikroben den Darm der Babys.
Die Milch der ersten Tage päppelt so gezielt diesen friedlichen Bewohner, der dann anderen, gefährlichen Durchfallkeimen die Nahrung entzieht.

Lebrillas Forschungen zufolge sind etwa die Hälfte der Molekülsorten in dem Oligosacchariden-Set fixer Bestand in der Milch aller Mütter. Die andere Hälfte wird individuell abgemischt. Die Mutter drückt damit ihrem Säugling ihren persönlichen Stempel auf. Denn jedes einzelne Oligosaccharid und seine jeweilige Menge zu einem bestimmten Zeitpunkt vermittelt dem Neugeborenen ein Entwicklungssignal. "Nach dem, was wir heute wissen, können sie aktiv Krankheitserreger abfangen, das Immunsystem einstellen oder sogar Signale für die Gehirnentwicklung geben", sagt Lebrilla.

Damit die Zuckerketten Einfluss aufs Immunsystem oder auf die Gehirnentwicklung nehmen können, müssen sie ihre Signale an das Innere der jeweils zuständigen Zellen weitergeben können. Es ist denkbar, dass dabei die Darmzellen die Vermittlerrolle übernehmen. Das legt jedenfalls eine Arbeit von Robert Chapkin, Biochemiker an der Texas A & M University, nahe: Er konnte nachweisen, dass sich die Genaktivität der Zellen in der Darmschleimhaut deutlich verändert, je nachdem, ob ein Kind gestillt wird oder nicht.

Stillkinder haben später einen höheren IQ

Es könnte also sein, dass die Darmzellen unter dem Einfluss von Muttermilch Signalstoffe ins Blut geben, die im Gehirn Reifungsprozesse befördern. Das würde ein Ergebnis aus Weißrussland erklären: Dort verfolgten Wissenschaftler der Weltgesundheitsorganisation WHO sechseinhalb Jahre lang den Werdegang gestillter und nicht gestillter Kinder.

Das Ergebnis fasst Michael Kramer, Epidemiologe an der kanadischen McGill-Universität, so zusammen: "In den ersten Lebensjahren gab es viele gesundheitlichen Vorteile für die gestillten Kinder. Aber die einzige Langzeitwirkung, die gemessen werden konnte, war ein Unterschied im Intelligenzquotienten." Kurz nach der Einschulung zeigten diese Kinder einen im Durchschnitt um sechs Punkte höheren Intelligenzquotienten.
Es ist schwierig, aus solchen Statistiken handfeste Schlüsse auf Ursache und Wirkung der Muttermilch zu ziehen. Denn stillende Mütter und Mütter, die lieber Fläschchen geben, sind nicht unbedingt miteinander vergleichbar. Die typische stillende Mutter einer Industrienation der Gegenwart ist reicher, gesünder und gebildeter als ihr statistisches Pendant mit Neigung zum Milchpulver. Wenn sie als typische Bildungsbürgerin ihrem Kind einfach nur öfter vorgelesen hätte, als eine Frau aus einer bildungsfernen Schicht es konnte oder wollte, dann würde es schon allein deswegen bei späteren IQ-Tests besser abschneiden.

Ein Indiz zugunsten der MuttermilchThese entdeckte Avshalom Caspi, Psychologe an der Duke-Universität in Durham. Er konnte nachweisen, dass Babys mit einer bestimmten Genvariante spezielle ungesättigte Fettsäuren aus der Milch für ihre Gehirnentwicklung dringend brauchen - Docosahexaensäure (DHA) und Arachidonsäure (AA). Sie dienen als Membranbaustoffe für ihre noch unreifen Nervenzellen.

Zusätzlich steigern diese Fettsäuren die Aktivität der günstigen Genvariante, die für ein Protein kodiert, das die beiden Säuren auch aus anderen Nahrungsfetten herstellen kann. Wie viel DHA und AA eine Mutter ihrem Kind mitgibt, hängt auch von ihrer eigenen Ernährung ab - Fisch und Meeresfrüchte haben ähnlich hohe Anteile der beiden Fettsäuren wie menschliche Gehirnzellen.
Von Makaken weiß man, dass die Mütter via Brust sogar den Charakter ihrer Kinder steuern - durch gezielte Hormongaben. Je mehr vom Stresshormon Cortisol sie ihren Söhnen in die Milch mischen, umso mehr neigen diese später dazu, Streit mit anderen Männchen anzufangen. Sie werden zu Karriereaffen. Auch hier geht es um die Enkelbilanz: Sie bekommen mehr Gelegenheiten zum Babymachen.

Bewiesen ist dieser Mechanismus für Homo sapiens noch nicht. Aber es wäre erstaunlich, wenn ausgerechnet das biologische Erbe der Menschenmütter auf diese Möglichkeit der Einflussnahme verzichten würde. Die Gene, die die Milchabmischung beim Menschen steuern, haben sich schließlich in den wenigen Jahrtausenden Zivilisation nicht verändert. Und genetisch gehören Menschen wie die Makaken zu den Altweltaffen. Sie sind Säugetiermütter, die das Stillen als letzte Gelegenheit nutzen, um das Kind in ihrem Sinne zu formen.

Quelle: http://www.faz.net/artikel/C30783/muttermilch-mamas-suesses-geheimnis-30336367.html

 

Muttermilch

Mamas süßes Geheimnis

In der Muttermilch sind zahlreiche Zuckerstoffe enthalten, von denen man noch gar nicht weiß, wozu sie gut sind. Sicher ist nur: Sie lassen sich nicht nachahmen.

Von Ulrike Gebhardt

09. Mai 2011 
Für den kleinen Moritz ist die Welt noch in Ordnung. Zufrieden liegt er an der mütterlichen Brust und saugt, was das Zeug hält. Hunger und Durst wollen gestillt werden, da kommt die energiehaltige und körperwarme Milch gerade recht. Und die Mischung stimmt ja auch: Fette, Proteine und Laktose sorgen für die Sättigung, Vitamine, Wachstumsfaktoren und Abwehrstoffe lassen den Säugling gedeihen und schützen ihn vor Infektionen.
Einige Bestandteile wird Moritz wohl kaum wahrnehmen, obwohl sie hochkonzentriert in der Muttermilch vorhanden sind: bis zu zweihundert verschiedene Mehrfachzucker, die im Vergleich zur Laktose nur leicht süßlich schmecken. Sie werden in der Brustdrüse aus fünf verschiedenen Bausteinen zusammengesetzt, die zu kurzen oder längeren, verzweigten oder unverzweigten Ketten geknüpft werden. Einmal geschluckt, widerstehen diese Humanen Milcholigosaccharide (HMO) dem sauren Milieu im Magen des Säuglings. Auch die Verdauungsenzyme können den Zuckermolekülen nichts anhaben, so dass sie unverdaut bis in den Darm rauschen.
Der Säugling profitiert auf den ersten Blick also nicht von diesen Stoffen. Warum werden sie dann überhaupt gebildet? "Wir wissen es einfach noch nicht", sagt Lars Bode von der University of California in San Diego. Im März berichtete der aus Hameln stammende Ernährungswissenschaftler auf dem Berliner "Glycan Forum" über die geheimnisvollen Milchzucker, die immerhin schon seit mehr als einem halben Jahrhundert bekannt sind. In der Fachwelt gibt es bislang nur Vermutungen, wozu sie dienen. "Einige Darmbakterien können sie im Gegensatz zum Menschen verdauen. Deshalb nimmt man heute an, dass diese Zucker in erster Linie wie Präbiotika wirken", sagt Bode.

Wohltätige Bakterien

Erst während und nach der Geburt wird der zunächst nahezu keimfreie Darm des Neugeborenen von einer bunten Bakteriengesellschaft bevölkert. Im Idealfall siedeln sich viele "gute" Bakterien an, die gefährlichen Mikroorganismen erst gar keinen Raum zum Gedeihen lassen. Bei gestillten Säuglingen gewinnen rasch Laktobazillen und Bifidobakterien die Oberhand; den Darm von Kindern, die mit Flaschenmilch aufwachsen, besiedelt eine etwas anders zusammengesetzte Bakteriengemeinschaft. Beim Stillen überträgt die Mutter manche Bakterien auch mit der Milch. Diese haben zum Teil eine abenteuerliche Reise hinter sich: Sie sind über die Lymphbahnen vom Darm der Mutter in deren Brustdrüse und von dort in die Milch gelangt. Nach aktuellem Wissensstand sollen gerade Bifidobakterien im sauerstoff- und nährstoffarmen Milieu des Darms wahre Wunder vollbringen: Sie schützen offenbar vor Durchfallerregern, entschärfen Gifte und wirken regulierend auf die Immunfunktion ein.
Ein wichtiger Darmbewohner von Stillkindern, Bifidobakterium longum infantis, entwickelt tatsächlich einen besonders großen Appetit auf Humane Milcholigosaccharide; er verleibt sie sich ein und verarbeitet sie zu kurzen Fettsäuremolekülen. Doch auch die Bifidobakterien schaffen es nicht, sämtliche HMO in der Muttermilch zu zerlegen. So landen teilweise bis zu neunzig Prozent der Moleküle unverändert in der Windel. Forscher wie Lars Bode glauben deshalb, dass sie noch andere Funktionen erfüllen müssen, als bloß Futter für nützliche Bakterien zu sein. "Es hängt wohl mit der Leistung des Abwehrsystems zusammen", vermutet Bode. Unangenehme Darmbesucher wie der Cholera-Erreger, Salmonellen oder das Durchfallbakterium Campylobacter jejuni können nämlich nur dann ihr Unwesen treiben, wenn sie sich über winzige Anker in der Zuckerhülle, welche die Darmoberfläche bedeckt, vergraben. "Einige Oligosaccharide ähneln nun genau den Strukturen, an die sich die Bakterien hängen", erklärt Bode. "Sie werden auf diese Weise abgefangen und aus dem Darm herausgespült." Das geschieht nicht nur im Darm, sondern widerfährt bereits ungebetenen Gästen, die sich in Mund und Speiseröhre tummeln.

Komplexe Zuckermoleküle

Da jeder Krankheitserreger seinen spezifischen Ankerplatz auf der Zuckerhülle hat, ist es durchaus sinnvoll, dass so viele verschiedene HMO-Strukturen zirkulieren. Doch von Frau zu Frau, im Laufe einer Stillperiode oder sogar während einer einzigen Stillmahlzeit kann die Zusammensetzung dieses Cocktails in der Milch variieren. Und nicht immer passt die individuelle Mischung perfekt zu den Herausforderungen durch pathogene Keime. Lars Bodes Team etwa hat Hinweise gefunden, dass manche aidsinfizierte Mütter mit einem bestimmten Zuckerprofil das Virus beim Stillen häufiger weitergeben als andere. 80 bis 85 Prozent aller Säuglinge stecken sich normalerweise nicht an, obwohl sie dem Virus über die Milch monatelang ausgesetzt sind. Vermutlich sind einige Oligosaccharide an diesem Schutzeffekt beteiligt. Zumindest hemmen sie im Labortest die Anheftung des Aidsvirus an jene zuckerbindenden Strukturen der Wächterzellen des Immunsystems, über die sich das Virus sonst Eintritt in den Körper verschaffen würde. In Bodes kalifornischem Labor versucht man nun herauszufinden, welche Zucker es genau sind, die diesen Schutz vermitteln.
Humane Milcholigosaccharide sind aber nicht nur im Verdauungstrakt aktiv. Hinweise auf weitere Einsatzorte im Körper hat jedenfalls Clemens Kunz vom Institut für Ernährungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen gefunden. Kunz untersucht seit vielen Jahren den Stoffwechsel von gestillten Säuglingen. Erstaunlicherweise und ganz entgegen bestehender Lehrbuchmeinung tauchen ein bis zwei Prozent der aufgenommenen Zuckerverbindungen intakt im Urin der Kinder auf. Offenbar wird ein kleiner Anteil von ihnen über die Darmwand aufgenommen. "Bisher ist man davon ausgegangen, dass eine solche Absorption nur bei Einfachzuckern funktioniert. Doch auch die komplexen Zucker zirkulieren nach der Aufnahme im Organismus in vergleichbaren Mengen, wie es etwa Pharmaka tun würden", sagt Kunz. Über die Frage, was die HMO dabei bewirken, kann bislang nur spekuliert werden. Laboruntersuchungen deuten auf einen bremsenden Einfluss auf Immunzellen hin, deren Aktionen ohnehin häufig von Zuckerverbindungen gesteuert werden. Ebenfalls diskutiert wird die Möglichkeit, dass die mütterlichen Zucker als Rohstofflieferanten bei der Hirnentwicklung dienen; beim Ausbau des Nervennetzes von Neugeborenen wird unter anderem Sialinsäure benötigt, die ein wesentlicher Bestandteil der HMO ist.
Die Fülle an komplexen Zuckermolekülen in der menschlichen Frauenmilch ist einzigartig. Kuhmilch und damit auch die auf der Kuhmilch basierende Flaschenmilch enthalten nur Spuren dieser Inhaltsstoffe. Deshalb fügen einige Hersteller von Flaschenmilch ihren Rezepturen als Ersatz sogenannte Galacto- (GOS) und Fructo-Oligosaccharide (FOS) bei. "Langkettige Moleküle gewinnen wir dabei aus Chicorée-Gemüse", erklärt Günther Boehm, Forschungsleiter für Babynahrung bei Danone und ehemals Leiter einer Frauenmilchsammelstelle im Osten Deutschlands. Die kurzkettigeren GOS dagegen werden synthetisch durch Enzymbehandlung aus Laktose gewonnen.

Vorsicht bei Anreicherungen

Obwohl die Ersatzstoffe wesentlich simpler aufgebaut sind als die komplexen Vorbilder, fördern auch sie das Wachstum von Bifidobakterien im Darm der Flaschenkinder. Vor fünf Jahren konnte eine Studie an 206 Mailänder Kindern mit hohem genetisch bedingtem Allergierisiko zeigen, dass Galacto- und Fructo-Oligosaccharide ähnlich wie das Stillen die Allergiehäufigkeit senken können. Während 24 von 104 Kindern in der Kontrollgruppe nach sechs Monaten eine Neurodermitis entwickelten, waren es in der Gruppe, die den Zusatz erhielten, nur zehn von 102 Kindern. "Offenbar verändert die Beimengung die Darmbesiedlung im positiven Sinne", sagt Thomas Eiwegger von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien. Warum das einer Allergie entgegenwirkt, ist allerdings unklar. Einen Effekt, den die echten Stoffe zeigen, besitzen die Ersatz-Zucker nämlich nicht: In Eiweggers Experimenten beeinflussten nur die humanen Oligosaccharide, nicht aber die künstlichen die kindlichen Immunzellen so unmittelbar, dass diese nicht mehr in Richtung Allergie agierten.
Allerdings können auch die künstlichen Zusatzstoffe zügig die Darmwand überwinden und damit rein theoretisch im Körper zirkulieren. Ob und was sie hier anrichten, ist wiederum völlig unbekannt. "Um unerwünschte Effekte auszuschließen, sind noch weitere Studien nötig", sagt Eiwegger. Als Kinderarzt sieht er bisher noch nicht genügend Beweise, eine angereicherte Flaschenmilch zur Therapie zu empfehlen; abraten würde er von einer solchen aber auch nicht, gibt sich Eiwegger diplomatisch.
Lars Bode dagegen rät gerade bei Neugeborenen zur Vorsicht, da man bisher nicht alle Effekte vorhersagen könne. Bedenklich stimmt beispielsweise die Lektüre einer drei Jahre alten Studie französischer Forscher von der Universität Nantes. Im unreifen Darm von bis zu zwanzig Tage alten Ratten hatten Fructo-Saccharide die natürliche Darmbarriere geschwächt und Salmonellenbakterien den Übertritt vom Darm in andere Körpergewebe erleichtert. "Diese Beobachtungen bei Ratten werfen die Frage auf, ob FOS bei einer so vulnerablen Gruppe wie Säuglingen mit einem noch nicht voll ausgereiften Immunsystem zum Einsatz kommen sollten", schrieb der österreichische Kinderarzt Karl Zwiauer im vergangenen Jahr dazu in einem Beitrag der Zeitschrift pädiatrie & pädologie.

Synthetisierung gegenwärtig zu teuer

Bei Clemens Kunz stößt die von manchen Herstellerfirmen offerierte Botschaft auf Unverständnis, nach der die Zusatzstoffe mit den humanen Milcholigosacchariden vergleichbar seien: "Der Einsatz an sich scheint sinnvoll zu sein, doch der Vergleich mit den HMO ist völliger Unsinn." Kunz und andere Forscher stören sich auch an der einseitigen Argumentation, die Zuckerstoffe förderten ausschließlich das Wachstum von Bifidobakterien. "Natürlich beeinflussen sie die bakterielle Zusammensetzung des Darms sehr stark. Das läuft aber nicht nur über diese Bakterienart, sondern scheint viel komplexer zu sein", sagt Kunz.
Sollte die Darmflora tatsächlich so großen Einfluss auf entscheidende Körperprozesse wie die Immunabwehr oder den Energiestoffwechsel haben, wie die Wissenschaftler inzwischen glauben, müsste der Einsatz von Präbiotika in der Nahrung eigentlich mit viel mehr Sorgfalt geprüft werden, als das bisher der Fall ist. Nur in einem Punkt sind sich die Milchforscher sicher: Die komplexen Eigenschaften der Muttermilch-Zucker werden die Ersatzstoffe niemals auslösen können. Dennoch ist man in der Forschungsabteilung von Danone gerade dabei, den Mix um ein weiteres Oligosaccharid, das aus Pflanzenmaterial gewonnen wird, zu erweitern. Mit diesem Zucker hofft man, auch den möglichen Infektionsschutz durch die echten Muttermilchstoffe nachahmen zu können.
Humane Milcholigosaccharide auf künstlichem Wege herzustellen, wird nach Lars Bodes Ansicht erst gelingen, wenn man besser versteht, wie sie in der weiblichen Brust synthetisiert werden. Gegenwärtig sind selbst Annäherungen an das Vorbild in der Herstellung zu teuer und nur mit Unterstützung von gentechnisch manipulierten Mikroorganismen vorstellbar. Doch eine Flaschenmilch mit entsprechendem Hinweis würde sich in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern wohl kaum verkaufen. Das Hauptanliegen von Bodes Team ist deshalb auch nicht die Verbesserung der Flaschenmilch. "Wir versuchen nur herauszufinden, welche Vorteile die diversen Zucker dem Säugling bringen. Mütter sollten einfach stillen, damit bieten sie ihren Kindern automatisch die beste Nahrung", sagt Bode.
Könnte Moritz sich schon dazu äußern, würde er das vermutlich genauso sehen.
Text: F.A.S.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2011.

Sonntag, 17. November 2013

 

Stillen bei Grippe?

"Muttermilch hat die besondere Eigenschaft, Viren mit einer Hülle abzutöten. Darum können Mütter trotz verschiedener Erkrankungen weiterstillen, ohne ihr Baby zu gefährden - sogar bei Hepatitis C" schreibt Sandra Büchi hier:
 
http://www.srf.ch/gesundheit/koerper/stillen-bei-grippe

"Viren wie das Hepatitis-C-Virus haben keine Chance gegen Muttermilch. Das zeigt eine Untersuchung von Eike Steinmann und ihrem Team. Link zur Studie: http://jid.oxfordjournals.org/content/early/2013/10/15/infdis.jit519.full.pdf+html
«Bezüglich der antiviralen Eigenschaften von Muttermilch gehen wir davon aus, dass nur bestimmte Viren, und zwar die Viren, die eine Hülle haben, abgetötet werden. Bei ‹nackten› – also unbehüllten – Viren wie zum Beispiel dem Rotavirus, sehen wir diesen Effekt nicht.» In der Studie wurde auch der Grippevirus H1N1 untersucht – auch ihm setzte die Muttermilch zu. «Über andere Erkältungsviren können wir leider keine Aussage treffen», bedauert Eike Steinmann.

Die Forscher versetzten Muttermilch von gesunden Frauen in Kulturschalen mit hohen Virusmengen und analysierten anschließend die Effekte auf die Erreger. Die Muttermilch tötet viele Viren ab. Bei vier Grad Celsius setzte sie Hepatitis-C-Viren innerhalb von einer Minute Schachmatt – genauso schnell wie 80-prozentiger Alkohol. Die Forscher untersuchten diese Eigenschaft im Labor. Sie gehen jedoch davon aus, dass diese Erkenntnis sich auch auf die stillende Frau übertragen lassen.

Laut Forscherteam sind freie Fettsäuren in der Milch für den antiviralen Effekt verantwortlich. Sie lösen die Hüllen der Viren auf. Weder mit Muttermilchersatzprodukten noch mit Kuh- oder Pferdemilch ließ sich dieser Effekt reproduzieren.

Krank – weiterstillen? 


Ärzte und Stillberaterinnen empfehlen Frauen weiter zu stillen, wenn sie krank sind. Denn die Muttermilch enthält viele wichtige Immunstoffe und Antikörper, die das Immunsystem der gestillten Säuglinge stärken. Auch wenn die Mutter erkrankt ist, enthält die Muttermilch weiterhin viele Immunstoffe und Antikörper. Frauen, die sich zu erschöpft zum Stillen fühlen, sollten die Milch abpumpen und das Baby mit dem Fläschchen füttern.
Neben der Muttermilch lassen sich Babys aber auch durch weitere Vorsichtsmaßnahmen vor Ansteckungen schützen:
  • Häufiges Händewaschen mit Seife.
  • Hände des Babys öfters waschen.
  • Küsschen vermeiden, Hautkontakt aber unbedingt weiter aufrechterhalten.
  • Beim Niesen oder Husten abwenden, gegebenenfalls Mundschutz verwenden.
  • Die gemeinsame Verwendung von Spielzeug und anderen Gegenständen, die der Säugling in den Mund nimmt, sollte eingeschränkt werden. Alles, was mit dem Mund des Säuglings in Kontakt kommt, sollte gründlich mit Wasser und Seife gereinigt werden.
  • Schnuller (inkl. Schnullerring) und andere Gegenstände sollten nicht von Erwachsenen oder anderen Kindern in den Mund gesteckt werden, ehe der Säugling sie erhält.
Bei diesen Krankheiten sollten Sie laut des Berufsverbands Schweizerischer Stillberaterinnen nicht mehr stillen und dies mit Ihrem Arzt besprechen:
  • Streptokokken Typ A und B: Stillpause von 24 bis 48 Stunden, bis Antibiotikum wirkt.
  • HIV und Humane T-Zell-Leukämie: In Industrieländern gilt die Empfehlung, nicht zu stillen.
  • Zytomegalie-Viren (CMV): Für Früh­ge­borene gilt die Empfehlung, nicht zu stillen.
  • Akut ausgebrochene Windpocken- oder Maserninfektion: Nach einer passiven Immunisierung des Kindes mit Immunglobulinen ist Stillen möglich."

Sonntag, 4. November 2012


Das aktuelle Wissen zum Kaiserschnitt, vorgestellt auf dem
 
DGGG-Kongress 2012

von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Frank Louwen :



KAISERSCHNITT ODER NATÜRLICHE GEBURT –
 
KEINE SCHWIERIGE ENTSCHEIDUNG?
 
Schlussfolgerung: Wenn eine Schwangere ohne eine medizinische Indikation einen Kaiserschnitt wünscht, zum Beispiel weil sie Angst vor den Geburtsschmerzen hat, dann sollte sie wissen, dass der Eingriff selbst zwar in der Klinik sicher durchgeführt werden kann. Aber sie muss auch wissen, dass sie damit Risiken für das Kind sowohl direkt nach der Geburt als auch für das spätere Leben, für sich selbst und für weitere Schwangerschaften in Kauf nimmt. Insbesondere ist auch der Geburtszeitpunkt bei geplantem Kaiserschnitt mit den sich daraus ergebenden Komplikationsraten relevant. Die Aufklärung der werdenden Mütter muss diese Erkenntnisse berücksichtigen.


Ein Kaiserschnitt scheint heutzutage ein sehr risikoarmer Eingriff zu sein. Er ermöglicht eine rasche Entbindung, wenn eine vaginale Geburt wegen einer geburtsunmöglichen Lage des Kindes indiziert oder mit einem hohen Verletzungsrisiko für das Kind verbunden ist, wenn bei der Mutter eine geburtsrelevante Erkrankung vorliegt oder wenn unter der Geburt eintretende Komplikationen eine natürliche Geburt ausschließen.

In der Phase nach der Geburt treten bei Patientinnen mit einem Kaiserschnitt im Gegensatz zu Müttern nach einer natürlichen Geburt typische postoperative Probleme und auch gehäuft Komplikationen auf.

Da für einen Kaiserschnitt die Bauchdecke eröffnet werden muss, sind Schmerzen in der ersten Phase nach der Entbindung operationsbedingt. Da sich in der Schwangerschaft das Gerinnungssystem der Frau verändert, hat eine Wöchnerin auch nach einer natürlichen Geburt ein erhöhtes Risiko für zum Teil lebensbedrohliche Gerinnungskomplikationen wie Thrombosen oder Lungenembolien. Das Risiko für diese schweren Erkrankungen ist nach einem Kaiserschnitt besonders erhöht. Die Sterblichkeitsrate einer gesunden Mutter ist gegenüber einer natürlichen Geburt nur noch um den Faktor 1,7 erhöht; die Wahrscheinlichkeiten für Thrombosen, Embolien, Blutungskomplikationen, anästhesiologische Komplikationen, aber auch für Gebärmutterentfernungen als letzte, lebensrettende Maßnahme bei geburtsbedingten Komplikationen ist nach Kaiserschnitt signifikant erhöht, wenn auch die Wahrscheinlichkeit für operationsbedingte Komplikationen in den letzten Jahrzehnten bedeutend gesunken ist.

Beckenbodensenkungen können durch einen Kaiserschnitt nicht verhindert werden, da sie mit der 
Schwangerschaft selbst im Zusammenhang stehen. Allerdings scheint eine verlängerte Geburtsdauer in der Phase, in der das Kind durch den Gebärkanal tritt (Austreibungsperiode), mit späteren Beckenboden- und Inkontinenzkomplikationen einher zu gehen. Die Folgen eines Kaiserschnitts für das Neugeborene wurden lange Zeit vernachlässigt. Nicht selten entstand sogar der Eindruck, das Kind profitiere von einem Kaiserschnitt, so dass für die Mutter der Kaiserschnitt trotz der bekannten erhöhten mütterlichen Morbidität und Mortalität als Alternative im Sinne des Neugeborenen diskutabel erschien. Neue Untersuchungen insbesondere auch der nachbetreuenden Kinderärzte haben verdeutlicht, dass bei einem Kaiserschnitt gegenüber einer natürlichen Geburt sowohl die Kurzzeit- als auch die Langzeitmorbidität der Neugeborenen erhöht ist. Nach einer Sectio caesarea sind Anpassungsstörungen und beatmungspflichtige Komplikationen signifikant erhöht. Die Komplikationsrate ist umso höher, je früher vor der 40. Schwangerschaftswoche der Kaiserschnitt durchgeführt wird. Der geplante Kaiserschnitt in der 38. Schwangerschaftswoche – wie er noch vor kurzem angeboten wurde – ist mit einer signifikant höheren Rate an Komplikationen des Neugeborenen verbunden, die sogar zu einer intensivmedizinischen Behandlung veranlassen, verglichen mit natürlichen Geburten oder mit einem Kaiserschnitt in der 40. Schwangerschaftswoche. Im Wochenbett sind ebenfalls sowohl die Rückbildung der Gebärmutter als auch die Stillphase durch einen Kaiserschnitt gestört. So resultiert nach einem Kaiserschnitt ein Bedarf an kontraktionsfördernden Medikamenten; resultierende Blutungskomplikationen treten gehäuft auf, die Schmerzen nach einem Kaiserschnitt müssen zudem medikamentös effektiv behandelt werden, auch weil Schmerzen die Ausschüttung des Hormons Oxytocin hemmen, das für das Stillen notwendig gebraucht wird. Wird ein Kaiserschnitt ohne natürlichen Geburtsbeginn durchgeführt, so steigt das Risiko eines primären Oxytocinmangels. ((= mgl.Bindungsprobleme)) Besonders bedeutsam sind aber die Ergebnisse von epidemiologischen Studien aus den vergangenen 5 Jahren. Sie verdeutlichen, dass ein Kaiserschnitt auch bedeutsame Einfluss auf das weitere Leben des Neugeborenen und insbesondere auf immunitätsbedingte Erkrankungen hat. Kinder nach Kaiserschnitt scheinen signifikant häufiger an Asthma, Allergien, Diabetes mellitus und Zöliakie (Überempfindlichkeit auf Weizenbestandteile in der Nahrung) zu erkranken. Der genaue Mechanismus dieser erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit im Jugendalter ist noch nicht aufgeklärt, dennoch haben diese Befunde direkte Konsequenzen für die Aufklärung von Patientinnen insbesondere bei Wunsch nach einem Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation. Besondere Bedeutung kommt aber dem Risiko für alle folgenden Schwangerschaften zu, das aus einem Kaiserschnitt resultiert. Dem entsprechend ist von einem Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation dringend abzuraten, wenn weiterer Kinderwunsch besteht. Ein voraus gegangener Kaiserschnitt birgt nicht nur das Risiko, dass Verletzungen aus der Gebärmutternarbe bei Folgeschwangerschaften entstehen könnten. Wesentlich bedeutsamer für die mütterliche Morbidität und Mortalität sind die sogenannten Plazentationsstörungen. Darunter wird sowohl der „falsche Sitz“ eines Mutterkuchens direkt vor dem Muttermund verstanden, die sogenannte Plazenta prävia. Sie hat nicht nur das sehr stark erhöhte Risiko für Frühgeburtlichkeit in der Folgeschwangerschaft, sondern für Mutter und Kind lebensbedrohliche Blutungen. Direkt mit der Anzahl vorausgegangener Kaiserschnitte sind auch Mutterkuchenkomplikationen verbunden, die durch ein tiefes Einwachsen des Mutterkuchens in die Gebärmutterwand entstehen (Plazenta accreta/increta). Häufig kann hier nur die Gebärmutterentfernung lebensrettend für die Mutter sein; selbst bei optimalen Bedingungen kommt es bei diesen operativen Eingriffe immer wieder zu Todesfällen, die nicht verhindert werden können. Dennoch sind Folge-Kaiserschnitte keine Einzelfälle, sondern ein häufiges Phänomen. Denn die durchschnittliche Geburtenzahl von 1,3 Kindern pro Frau in Deutschland bedeutet nicht, dass es fast nur noch Einzelkinder gäbe. Richtig ist, dass etwa 20% aller Frauen heute kinderlos bleiben, und dass die Geburtenrate unter Frauen, die Kinder bekommen, bei 1,6 liegt, in den alten Bundesländern sogar bei 1,9. Das bedeutet, dass eine Frau, die ihr erstes Kind bekommt, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weitere Kinder bekommen wird. Unter optimalen Bedingungen können auch nach einem vorangegangen Kaiserschnitt durch eine vaginale Entbindung die Folgekomplikationen häufig reduziert werden. Nach diesen Erörterungen zurück zur Hypothese: Kaiserschnitt oder natürliche Geburt – keine schwierige Entscheidung“ Ein Kaiserschnitt ist immer dann eine gute und geeignete Geburtsmethode,wenn die Gesundheit von Mutter und Kind durch eine natürliche Entbindung gefährdet sind. Dabei ist die operative Methode des Kaiserschnittes insbesondere unter regionalanästhesiologischer Schmerzausschaltung (PDA, Spinalanästhesie) mit geringer mütterlicher direkter Komplikationsrate im Vergleich zu früheren Jahrzehnten verbunden. Lachgas, das derzeit in der angloamerikanischen Literatur wieder diskutiert wird, kann Sauerstoffmangel verursachen. Er stellt in Deutschland keine sinnvolle Option dar.
 
Wenn eine Schwangere ohne eine medizinische Indikation einen Kaiserschnitt wünscht, zum Beispiel weil sie Angst vor den Geburtsschmerzen hat, dann sollte sie wissen, dass der Eingriff selbst zwar in der Klinik sicher durchgeführt werden kann. Aber sie muss auch wissen, dass sie damit Risiken für das Kind sowohl direkt nach der Geburt als auch für das spätere Leben, für sich selbst und für weitere Schwangerschaften in Kauf nimmt. Insbesondere ist auch der Geburtszeitpunkt bei geplantem Kaiserschnitt mit den sich daraus ergebenden Komplikationsraten relevant. Die Aufklärung der werdenden Mütter muss diese Erkenntnisse berücksichtigen.
 
 
*Literatur: *Cho CE, Norman M.:Cesarean section and development of the immune system in the offspring. Am J Obstet Gynecol. 2012 *Roberta De Luca, MDa, Michel Boulvain, MD, PhDb, Olivier Irion, MDb, Michel Berner, MDa and Riccardo Erennio Pfister, MD, PhDa :Incidence of Early Neonatal Mortality and Morbidity After Late-Preterm and Term Cesarean Delivery.PEDIATRICS Vol. 123 No. 6 June 2009, pp. e1064-e1071 *Alan T.N. et al., NICHD Maternal–Fetal Medicine Units Network: Timing of Elective Repeat Cesarean Delivery at Term and Neonatal Outcomes. NEJM 360:111-120 jan 8, 2009 No 2 *DGGG-Leitlinie: Schwangerenbetreuung und Geburtseinleitung bei Zustand nach Kaiserschnitt. AWMF 015/021 (S1) www.dggg.de/fileadmin/public_docs/Leitlinien/3-4-5-entbindung-nach-sectio-2010.pdf

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Vitamin D - Wann und wieviel?


Die Vitamin-D-Gabe für gestillte Kinder wird immer wieder kritisch diskutiert.

Hier der Link zu einem interessanten, aktuellen Infoblatt dazu:


http://www.stillen-institut.com/asp_service/upload/content/1-12_Neues_aus_der_Forschung.pdf


Donnerstag, 5. Januar 2012

Ein guter Start macht vieles leichter: Wie Bindung gelingen kann

Mein Vortrag auf der Fachtagung „Ein guter Start macht vieles leichter: Wie Bindung gelingen kann“ in der 1. Universitäts Frauenklinik, München, am 31.3.2006.  LESENSWERT!!!

http://www.haeberlstrasse-17.de/sites/default/files/4/stillen.pdf

Sonntag, 29. Mai 2011

Psyche und Sozialverhalten

Studie vergleicht Verhaltensauffälligkeiten: 

Das Risiko für Verhaltensprobleme im Alter von fünf Jahren ist bei nicht-gestillten Kindern um 30 Prozent erhöht. 

Die Studie:http://www.bbc.co.uk/news/health-13336986

Behaviour problems

By Jane Hughes Health correspondent, BBC News, 10 May 2011

Researchers looked at the feeding habits of 10,037 mothers and their babies involved in a large study known as the Millennium Cohort Study.
The mothers were asked to assess problems in their children by the age of five, including anxiousness and clinginess, restlessness, and lying or stealing.
Only 6% of children who were breastfed showed signs of behaviour problems, compared with 16% of children who were formula-fed.
Mothers who breastfeed tend to be older, better educated, and from a higher socio-economic background, which may contribute towards fewer problems in their children's behaviour.
But even after the researchers, from the Universities of Oxford, Essex, York and University College London, adjusted their figures to take that into account, they still found there was a 30% greater risk of behavioural problems among formula-fed children.
"Our results provide even more evidence for the benefits of breastfeeding," said Maria Quigley of Oxford University, who led the research.
She said breast milk contained large quantities of a particular type of fatty acid, as well as growth factors and hormones, which were important for the development of the brain and nervous system.
But mothers who breastfeed also tend to interact with their children more, which could mean the babies learn more about acceptable ways of behaving.
Breastfed children also get ill less often, which may affect their behaviour."

Samstag, 20. November 2010

Stillen wirkt wie ein Schmerzmittel

Die Gabe von Muttermilch kann ein wirksames Mittel sein, um medizinisch notwendige Maßnahmen erträglicher zu machen. Das hat ein kanadisches Forscherteam bei der Auswertung verschiedener Studien mit insgesamt 1.000 Säuglingen herausgefunden.

Für ihre Auswertung verwendeten die Forscher Daten aus elf verschiedenen Studien. Dabei zeigte sich, dass Stillen den Schmerz während einer Blutabnahme deutlich effektiver linderte, als wenn die Babys steriles Wasser bekamen oder wenn gar nichts geschah. Allerdings war hochkonzentriertes Zuckerwasser als Schmerzmittel genauso effektiv wie die Gabe von Muttermilch.

Aufgrund der positiven Wirkung sollte das Stillen daher auch in der Krankenhausroutine als eine Art Beruhigungsmittel eingesetzt werden, empfiehlt der Forscher. Bisher würden bei ärztlichen Untersuchungen nach der Geburt in den meisten Fällen keine speziellen schmerzlindernden Mittel eingesetzt.
Wie sich der schmerzlindernde Effekt des Stillens genau erklären lässt, wissen die Forscher allerdings noch nicht. Eine Kombination mehrerer Faktoren könnte dafür verantwortlich sein, vermutet Studienleiter Prakeshkumar Shah – etwa der leicht süße Geschmack der Milch, zusammen mit der beruhigenden Anwesenheit der Mutter und dem angenehmen Hautkontakt.

Die von Shah analysierten Daten stammen zwar fast alle von termingerecht geborenen, gesunden Babys. Besonders wichtig könnten die Ergebnisse jedoch für Frühgeborene sein. Diese müssen während ihrer Zeit im Brutkasten häufig schmerzhafte Untersuchungen über sich ergehen lassen, erklärt Shah. Zudem seien die Frühchen besonders stressanfällig: Sie reagieren bei einer Häufung unangenehmer Erlebnisse – wie dem Nadelstich zur Blutabnahme – leicht mit erhöhtem Blutdruck und erhöhter Herzfrequenz. Extrem früh geborene Babys haben bei Stress auch ein höheres Risiko für Hirnblutungen. Daher sollten die Studien zur Wirkung von Muttermilch in Zukunft auf diese Babys ausgedehnt werden, schlägt Shah vor.

Zuckerwasser als Schmerzmittel ist nach Meinung der Autoren dagegen weniger zu empfehlen, denn die hohe Konzentration an Zucker sei vermutlich eher ungesund. Einige Studien hätten zum Beispiel gezeigt, dass Frühgeborene bestimmte Bewegungsabläufe später lernen, wenn sie häufig Zuckerwasser zur Schmerzlinderung erhielten. Muttermilch sei zwar auch leicht süß, enthalte jedoch nur sieben Prozent Zucker.

Prakeshkumar Shah (Mount Sinai Hospital, Toronto) et al.:
The Cochrane Database of Systematic Reviews, Ausgabe 3, 2006. ddp/wissenschaft.de – Christine Amrhein Stillen

Nach Bedarf stillen

Studien zeigen: Stillen nach Bedarf ist am besten

BAAR/Schweiz - Viele Mütter werden beim Stillen von Selbstzweifeln und Unsicherheit geplagt: Reicht die Milchmenge aus? Hat mein Baby einen normalen Stillrhythmus? Enthält meine Milch alles, was das Baby braucht? Ermutigende Ergebnisse liefern nun Studien der University of Western Australia, durchgeführt von weltweit führenden Stillforschern: Der Körper der Mutter sorgt in der Regel dafür, dass das Baby mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt wird - unabhängig davon, wie oft, wie lange oder mit welchen Abständen ein Baby trinkt. Wichtig ist nur, dass Mutter und Kind ihren eigenen Rhythmus finden und nach Bedarf, das heißt, abhängig vom Appetit des Babys gestillt wird.

Während ihrer Arbeit fanden die Wissenschaftler aus dem Team rund um den weltweit führenden Stillforscher Dr. Peter Hartmann eine Vielzahl unterschiedlicher Stillgewohnheiten vor: Während die einen Babys sechs Mal am Tag nach der Brust verlangten, wollten andere bis zu 18 Mal am Tag gestillt werden. Die einen tranken während einer Mahlzeit nur an einer Brust, andere an beiden. Während das eine Kind nachts durchschlief, wollte das andere auch zur Nachtzeit regelmäßig gefüttert werden. Auch die Trinkdauer und die aufgenommene Milchmenge pro Stillmahlzeit unterschieden sich von Baby zu Baby.
Auf einen Zeitraum von 24 Stunden gesehen, nahmen dennoch alle eine ähnliche Menge an Nährstoffen auf. Entscheidend war einzig, dass nach Bedarf gestillt wurde.

Andere Studien der Forschergruppe unterstützen diese Ergebnisse: So ändert sich die Zusammensetzung der Milch sowohl während einer Stillmahlzeit als auch abhängig vom Alter des Kindes und passt sich dem Bedarf des Kindes an. Auch damit stellt der Körper der Mutter sicher, dass ein Baby immer alle Nährstoffe bekommt, die es aktuell benötigt.

Hartmann und seine Mitarbeiter präsentierten diese Ergebnisse erst vor kurzem im Rahmen einer Fachtagung in Basel, die vom BSS (Berufsverband Schweizerischer Stillberaterinnen) und dem Unternehmen Medela, Hersteller von Milchpumpen und Stillzubehör, veranstaltet wurde. Medela arbeitet eng mit der Laktationsforschergruppe der University of Western Australia zusammen und fördert deren Studien. "Indem wir die Arbeit von Dr. Hartmann unterstützen, wollen wir so vielen Müttern wie möglich eine schöne und erfolgreiche Stillerfahrung ermöglichen", erklärt Dr. Leon Mitoulas, leitender Wissenschaftler der Abteilung Stillforschung bei Medela. "Einer der Hauptgründe für Stillprobleme sind Selbstzweifel und Stress bei den Müttern - verbunden mit widersprüchlichen und wenig objektiven Ratschlägen. Daher setzen wir uns auch dafür ein, dass die Forschungsergebnisse im Stillalltag der Frauen ankommen. Und letztendlich dafür sorgen, dass mehr Mütter stillen und auch länger stillen."

Samstag, 20. März 2010

Stillen könnte vielen Säuglingen das Leben retten

Einer Harvard-Studie zufolge könnte die natürliche Säuglingsnahrung Muttermilch jährlich 900 Kinder allein in den USA vor dem Tod bewahren und dem Land finanzielle Verluste in Höhe von 3,6 Milliarden Dollar ersparen (PEDIATRICS online April 5, 2010; Spiegel online 05.04.2010). Melissa Bartick von der Harvard Medical School, die leitende Autorin der Studie: „Wir führten eine Kostenanalyse für alle pädiatrischen Erkrankungen durch, deren Risikofaktoren laut der Agency for Healthcare, Research and Quality sich mit geringen Stillraten erhöhen: Nekrotisierende Enterokolitis, Otitis Media, Gastroenteritis, Krankenhausaufenthalte durch Infektionen der unteren Atemwege, Atopische Dermatitis, Plötzlicher Säuglingstod, Asthma und Leukämie im Kindesalter, Typ-1-Diabetes mellitus (Typ-2-Diabetes mangels ausreichender Daten nicht berücksichtigt) und Adipositas im Kindesalter“. Frauen sollten die Chance haben, unmittelbar nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen, erklärte Bartick. Oft würden Neugeborene jedoch schon im Krankenhaus mit künstlicher Säuglingsnahrung gefüttert. In den USA werden zwölf Prozent aller Babys sechs Monate lang ausschließlich mit Muttermilch ernährt, wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. In Deutschland wies die letzte bundesweite Erhebung 1998 eine entsprechende Stillrate von zehn Prozent auf, eine jüngere Studie aus Bayern zeigte 2007 immerhin, dass hier 21 Prozent aller Babys mit sechs Monaten noch ausschließlich gestillt wurden. Dass verbesserte Rahmenbedingungen in Geburtskliniken das Stillen fördern, wurde duch eine große randomisierte Interventionsstudie bereits gezeigt; derzeit untersucht eine noch nicht abgeschlossene Studie in einer Modellregion Bayerns die These, dass vertieftes Stillwissen des betreuenden Gesundheitspersonals die Stillquoten erhöht.

Samstag, 10. Oktober 2009

Bisphenol A in Babysaugern

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat eine aktuelle Stellungnahme zu Bisphenol A in Babysaugern herausgegeben:

http://www.bfr.bund.de/

http://www.bfr.bund.de/cm/276/ausgewaehlte_fragen_und_antworten_zu_bisphenol_a_in_baybflaeschchen_und_saugern.pdf